Kraftplatz: Besuch beim Tatzelwurm

Kraftplatz: Besuch beim Tatzelwurm

Schon als Kind haben mich Drachen fasziniert, und dass ein solcher in unseren Bergen hausen sollte, umsomehr. Und dessen Wohnort könnte nicht wildromantischer sein als der magisch schöne Tatzelwurm zwischen Oberaudorf und Sudelfeld.

Kraftplatz: Besuch beim Tatzelwurm

Ein Tatzelwurm ist ein mythisches Wesen aus dem Alpenraum. Er gilt als kleiner Verwandter von Drache, Basilisk oder Lindwurm. Der Sage nach entschlüpft er einem schwarzen Ei, das ein Hahn in wilde Wasser legte, wo es lediglich durch das Sonnenlicht ausgebrütet wurde. Der Tatzelwurm selbst hat einen geschuppten Leib, spitze Krallen und Zähne, und kann Feuer speien. Der Kontakt mit seinem Blut sei tödlich.

Am Waldparkplatz an der Sudelfeldstraße fließt der unscheinbare Auerbach vorbei. Ein breiter bequemer Wanderweg (657) begleitet den Bach durch den beschaulichen Mischwald ostwärts. Da fällt ein Schild auf: „Achtung: Lebensgefahr!“ Wer gute Ohren hat, hört vielleicht auch ein Donnern. „Der Tatzelwurm knurrt scho!

Dann geht es um die Ecke und unvermittelt stehst Du auf einer steinernen Brücke über einer sehr engen, tiefen Schlucht, in die sich unter Dir tosende Wassermassen stürzen.

Oberer Wasserfall am Tatzelwurm

Die Tatzelwurm Wasserfälle

„Wo kommt jetzt nur all das Wasser her? Ist das wirklich nur der kleine Auerbach?“ wirst Du Dich nun wohl auch fragen. Die Brüstung ist ein wenig niedrig. Mir wird immer schwindelig, wenn ich hier stehe und hinunterblicke auf das wildromantische Naturschauspiel. Und irgendetwas scheint mich da unten anzuziehen, damit ich das Gleichgewicht verliere. Ein schauriges Gefühl.

Hat dieser Umstand dazu geführt, dass man der Legende des Tatzelwurm so gerne glauben mag, der da unten haust, und darauf wartet, dass einer hinunterfällt, den er verschlingen könne!? Oder ist dieses Gefühl der Ursprung der Legende überhaupt?

Weg zum Tatzelwurm

Imposantes Naturdenkmal

Löst Du Dich von der Anziehungskraft der Tiefe und spazierst den Weg weiter, gelangst Du zum Weiler Tatzelwurm. Kurz vor den ersten Gebäuden zweigt rechts ein Pfad ab. Nur ein kurzes Stück weiter hörst Du wieder das Donnern. Steile in den Felsen geschlagene Stufen führen als kurzer Klettersteig zu einer hölzernen Aussichtsbrücke. Hier bist Du dem Drachen und den donnernden und schäumenden Wassern am Nächsten.

Holzbrücke am unteren Tatzelwurm Wasserfall

Als Kind wusste ich, dass er da war. Dass er da in diesen schäumenden Höhlen und Gumpen der Tatzelwurm-Wasserfälle wartete… und einsam war. Ich wollte ihn unbedingt einmal sehen, und starrte immer lange ins tiefe Wasser unterhalb der Strudel. Manchmal dachte ich einen dunklen Schatten gesehen zu haben…

Gumpen Wasserfall und Schlucht

Der Tatzelwurm

Als noch ein Bergsee klar und groß
In dieser Täler Tiefen floß,
Hab ich allhier in großer Pracht
Gelebt, geliebt und auch gedracht
Als Tatzlwurm.

Vom Pendling bis zum Wendelstein
War Fels und Luft und Wasser mein.
Ich flog und ging und lag gerollt,
Und statt auf Heu schlief ich auf Gold
Als Tatzlwurm.

Hornhäutig war mein Schuppenleib
Und Feuerspei’n mein Zeitvertreib.
Und was da kroch den Berg herauf,
Das blies ich um und fraß es auf
Als Tatzlwurm.

Doch als ich mich so weit vergaß
Und Sennerinnen roh auffraß,
Da kam die Sündflut grausenhaft
Und tilgte meine Bergwirtschaft
„Zum Tatzlwurm“.

Viktor von Scheffel (1826 – 1886)

Schon seit über 750 Jahren heißen die Wasserfälle nach dem Fabelwesen „Tatzelwurm“, ebenso wie der kleine Weiler und die Straße unterhalb, die von Oberaudorf heraufführt. Die einstige Pilger-Hütte „zum feurigen Tatzlwurm“ ist heute ein (etwas teures aber schönes) Berghotel und Ausflugslokal.

Tatzelwurm Wasserfälle im Winter

TIPP: Übrigens ist der Tatzelwurm auch ein fantastisches Naturschauspiel im Winter, wenn dicke Eiszapfen die Felswände hinunter hängen.

Der Tatzelwurm lässt sich auch mit der Wendelstein-Ringlinie von Oberaudorf oder Bayrischzell aus erreichen. (Mai bis Anfang November)

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